Das Leben schultern
Schulterinstabilität in verschiedenen Lebensphasen
Eine besonders bewegliche Schulter kann sogar von Vorteil sein, etwa in Überkopf- oder Wurfsportarten wie Tennis, Handball oder Schwimmen. Problematisch wird es, wenn die hohe Beweglichkeit zu Beschwerden führt. Das kann sich in Schmerzen bei bestimmten Bewegungen äußern oder in einem Gefühl der Unsicherheit im Gelenk. Im Extremfall kann es zu einer Luxation kommen – die Schulter „kugelt aus“. Das passiert entweder aufgrund einer angeborenen Instabilität oder infolge eines Unfalls, bei dem wichtige stabilisierende Strukturen verletzt werden. Bleibt eine solche Verletzung bestehen, kann sich daraus eine dauerhafte Instabilität entwickeln.

Säuglingsalter
Im Säuglingsalter ist eine echte Schulterinstabilität äußerst selten. Die Gelenke sind zwar sehr flexibel, doch Luxationen treten praktisch nicht auf. In seltenen Fällen kann es bei schwierigen Geburten zu einer Schädigung des sogenannten Plexus brachialis kommen – einem Nervengeflecht, das die Schulter und den Arm versorgt. Durch Zug am Arm kann dieses Nervensystem geschädigt werden, was zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Lähmung führen kann. Glücklicherweise ist diese Art der Verletzung heute selten geworden, da sich geburtshilfliche Techniken in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben.
Wenn es trotz allem zu Verletzungen gekommen ist, können frühe operative Eingriffe mit Muskel-Sehnen-Transfers erstaunlich gute funktionelle Ergebnisse erzielen.

Wachstumsalter
Im Kindes- und Jugendalter treten Schulterinstabilitäten insgesamt selten auf und führen auch selten zu ernsthaften und andauernden Beschwerden. Die häufigste Form ist die sogenannte habituelle (angeborene) Instabilität. Sie beruht auf einer überdurchschnittlichen Beweglichkeit des Gelenks. In diesen Fällen liegt die Ursache meist in einer zu „lockeren“ Gelenkkapsel und einer unzureichenden muskulären Führung. Bei der Untersuchung zeigt sich die Schulter oft in mehrere Richtungen sehr beweglich, manchmal sogar fast ausrenkbar. Bildgebende Verfahren wie die MRT zeigen jedoch in der Regel ein völlig normales Gelenk.
Die Behandlung erfolgt in erster Linie konservativ. Ziel der Physiotherapie ist es, die Muskeln rund um das Schultergelenk und das Schulterblatt so zu trainieren, dass sie das Gelenk besser führen und stabilisieren. Häufig ist weniger die Kraft als vielmehr die Koordination der Muskelaktivität gestört. Diese kann durch spezielle Übungen verbessert werden. Moderne Hilfsmittel wie der sogenannte Shoulder-Pacemaker, ein Elektrostimulationsgerät zur gezielten Aktivierung der Muskulatur, haben in den letzten Jahren große Fortschritte ermöglicht und die Therapie deutlich verbessert. Operative Eingriffe sind in diesem Alter nur in Ausnahmefällen notwendig.
Junges Erwachsenenalter
Häufigste Ursache für eine Schulterinstabilität im jungen Erwachsenenalter ist ein Unfall. Besonders betroffen sind, unabhängig vom Geschlecht, sportlich sehr aktive Menschen. Typischerweise kommt es zur Luxation, wenn der Arm seitlich angehoben und nach außen gedreht ist, etwa bei einem Sturz oder einer ruckartigen Bewegung. Dabei können wichtige stabilisierende Strukturen verletzt werden: Die Gelenklippe (Labrum) kann abreißen, ebenso Teile der Gelenkkapsel. Zusätzlich entsteht oft eine kleine Eindellung am Oberarmkopf. Je nach Schwere der Verletzung und den individuellen Anforderungen ist häufig eine Operation sinnvoll. Ziel ist es, die Stabilität des Gelenks wiederherzustellen und das Risiko für erneute Luxationen zu verringern. Ohne Behandlung besteht die Gefahr, dass sich eine chronische Instabilität entwickelt. Bei einer operativen Vorgehensweise ist in der Regel die Rekonstruktion der weichteiligen Defekte das primäre Ziel. Aber es kann auch notwendig werden, knöcherne Defektzonen mit einem Knochenaufbau zu rekonstruieren.
Mittlere Lebensphase
Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass das Risiko für Schulterluxationen mit zunehmendem Alter deutlich abnimmt – unter anderem, weil die Gelenke etwas weniger beweglich werden. Heute gilt dies jedoch so pauschal nicht mehr. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass sportliche Aktivität und Risikobereitschaft bis ins höhere Alter bestehen bleiben. Mit dem Alter verändern sich die Verletzungsmuster. Neben den klassischen Verletzungen der Gelenkkapsel und des Labrums treten zunehmend Schäden an der Rotatorenmanschette auf – einem wichtigen Muskel-Sehnen-Komplex, der das Schultergelenk stabilisiert und die koordinierte Bewegung erlaubt. Durch eine altersbedingt geringere Elastizität können diese Sehnen bei einer Luxation leichter reißen. Wenn das Verletzungsmuster ausgeprägt ist, muss die Rotatorenmanschette operativ rekonstruiert und ggfs. auch der Kapsel-Labrum-Komplex genäht werden.
Spätere Lebensphase
Im höheren Lebensalter treten Schulterluxationen insgesamt seltener auf. Wenn sie jedoch vorkommen, sind sie oft mit komplexeren Verletzungen verbunden. Die Sehnen der Rotatorenmanschette werden mit der Zeit anfälliger und können beim Auskugeln der Schulter leichter reißen. Da diese Strukturen entscheidend für die aktive Stabilisierung sind, kann die Schulter danach bereits bei kleinen Alltagsbewegungen erneut auskugeln.

Zusätzlich kommt es nicht selten zu Brüchen des Oberarmkopfes. Die Kombination aus Sehnenriss und Knochenverletzung macht die Behandlung anspruchsvoll. In vielen Fällen ist eine Operation notwendig. Wenn möglich, wird versucht, die ursprünglichen Strukturen wiederherzustellen – etwa durch das Nähen der Sehnen oder das Stabilisieren eines Knochenbruchs mit einer Platte. Ist die Gewebe- und Knochenqualität jedoch zu stark eingeschränkt, kann ein Gelenkersatz erforderlich werden. Dabei kommt häufig eine sogenannte inverse Schulterprothese zum Einsatz. Hierbei werden die natürlichen Gelenkverhältnisse umgekehrt: Der „Kopf“ wird an der Schulterpfanne befestigt und die „Pfanne“ am Oberarm. Dieses Prinzip ermöglicht es, auch bei geschädigter Muskulatur wieder eine stabile und funktionelle Schulter herzustellen.

Glossar Schulterinstabilität
- Laxität: Normale, individuell unterschiedliche Beweglichkeit eines Gelenks
- Hyperlaxität: Überdurchschnittlich hohe Beweglichkeit ohne Ausrenkung
- Luxation: Auskugeln eines Gelenks
- Labrum: Knorpelige Gelenklippe, die die Schulterpfanne ringförmig erweitert und stabilisiert
- Kapsel-Band-Apparat: Strukturen, die das Gelenk passiv stabilisieren
- Rotatorenmanschette: Muskel-Sehnen-Gruppe, die das Schultergelenk bewegt und aktiv stabilisiert
- Bankart-Läsion: abgerissener Kapsel-Band-Apparat
- Hill-Sachs-Läsion: luxationsbedingte Delle am Oberarmkopf
