Lebensfroh statt lebensmüde
Ein Hoch auf das Gleitschirmfliegen
Text: Christoph Zöpfl

Das Gleitschirmfliegen hat den Ruf, ein Sport für wilde Hunde und Draufgänger zu sein. Wie bei so vielen Klischees hält auch dieses Image dem Reality-Check nicht Stand. Ein Hoch auf die entspannteste, gesündeste und billigste Form der Fliegerei.
„Wo springst du denn weg?“
„Ich springe nicht.“
„Was denn sonst?“
„Ich gehe in die Luft.“
„Und wo ist dein Startplatz?“
„Da vorne auf der Wiese unter dem Gipfel“
„Darf ich zuschauen, wenn du da runterspringst?“
„….“
Dialoge in dieser Form führt man als aktiver Gleitschirmflieger immer wieder. In der Gedankenwelt der unkundigen Beobachter wird man als Betreiber dieser Sportart in einer Kiste schubladiert, die mit „Draufgänger“, „Wilder Hund“ oder gar „Lebensmüder“ beschriftet ist. Dass man, im Gegensatz zu den Fallschirmspringern, mit so einem Gleitschirm praktisch in Zeitlupe unterwegs ist – ein Moped ist schneller – und beim Starten nicht springt, sondern tatsächlich als Fußgänger in die Luft marschiert, ist für viele Laien denkunmöglich. Was die Gleitschirm-Piloten und -Pilotinnen aber auch wenig stört. Es gibt Schlimmeres, als mit coolen Draufgängern der Kategorie „Top Gun“ verwechselt zu werden. So mancher Schirmflieger befeuert sogar bereitwillig mit seinem Cowboy-Auftreten – Gloryfy-Sonnenbrille, fetziges Helmdesign, schnittiger Overall – den Irrtum vom Adrenalin-Junky-Sport.

Mut kann man nicht kaufen, eine Gleitschirmausrüstung schon. Eine gute (gebrauchte) Basisausstattung findet man um zweitausend Euro, was vergleichsweise mit anderen Flugsportarten geradezu ein Schnäppchen ist. Die Grundschulung bringt einen nach wenigen Tagen in die Luft, die gesamte Ausbildung bis zur Lizenz kostet nicht recht viel mehr als einen Tausender. Die Eintrittskante in diese himmlische Erlebniswelt liegt also eher in Bodennähe.
Sechs- bis achttausend aktive Gleitschirmflieger und -fliegerinnen gibt es in Österreich. Wie bei so vielen anderen Sportdisziplinen bewegen sie sich zwar alle in einer Blase, aber mit der Zeit haben sich verschiedene Sparten und Spielarten entwickelt. Die Acro-Piloten, die mit artistischen Manövern durch die Luft turnen, sind eine aufsehenerregende Minderheit. Streckenflieger, die an guten Tagen Distanzen von mehr als hundert Kilometer zurücklegen (der Weltrekord liegt bei 613 Kilometer), genießen in der Community einen hohen Stellenwert. Die Mehrheit dürfte allerdings wohl eher der Kategorie „Hausbergflieger“ zuzuordnen sein, die nicht das Abenteuer suchen, sondern in ihren gewohnten Fluggebieten die Ortskenntnis und das gute Gefühl des Heimvorteils genießen.
Parallel zum sehr populär gewordenen Ski-Tourengehen hat sich zuletzt in der Gleitschirmfliegerei ein Trend zur Disziplin „Hike & Fly“ etabliert. Die Betriebsanleitung ist simpel: Ich trage ihn (den Gleitschirm) den Berg hinauf und er (der Gleitschirm) trägt mich hinunter. Diese Art des Alpinismus könnten Orthopäden ärztlich verschreiben, denn eine gelenkschonendere Art der Bergsteigerei gibt es nicht. Auch der Erlebniswert dieser Form, die Bergwelten zu besuchen, ist außergewöhnlich. Am späten Nachmittag gehören einem selbst die Gipfel viel besuchter Berge ganz allein, weil die „Fußgänger“ schon alle beim Abstieg sind, um rechtzeitig ins Tal zu kommen. Mit dem Schirm spazierst du später in den Sonnenuntergang hinein, um nach zehn, zwanzig Minuten Gleitflug in der Dämmerung, aber einer wärmenden Sonne im Herzen, unten neben dem Parkplatz zu landen. Wer so etwas macht hat keinen Vogel. Er ist einer.

Der alpine Sinnspruch „Nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ gilt natürlich auch für das Gleitschirmfliegen. Wer in diesem Sport alt wird, hat das meiste richtig gemacht (und höchstwahrscheinlich in der jugendlichen Sturm-und-Drang-Episode auch ab und zu einen Schutzengel zur Seite gehabt). Die Community der alten Hasen (oder hieße es nicht besser „Flugsaurier“?) zeichnet sich durch eine Abgeklärtheit und Entspanntheit aus, die man auf jedem Startplatz zu schätzen weiß. Den jüngsten Kurzfilm-Wettbewerb des Österreichischen Aeroclubs hat dementsprechend kein adrenalingetriebenes Abenteuer-Video eines von potenten Sponsoren beflügelten Superhelden gewonnen, sondern eine gemächlich dahinplätschernde Reportage des jung gebliebenen 70-jährigen Micheldorfers Oskar Lehner mit dem etwas sperrigen Titel „Paragleit-Oldies: Gleitschirmfliegen als idealer Seniorensport“. Die Protagonisten des Films sind passionierte Piloten und Pilotinnen der Kategorie „60 plus“, die ein völlig anderes Bild von diesem naturnahen Flugsport vermitteln als es in der öffentlichen Wahrnehmung abgespeichert ist. Da sind keine Top-Gun-Heroen und junge Hupfer wie „Maverick“ oder „Iceman“ zu sehen, sondern Oma und Opa. Und es nicht ein (eh kaum vorhandener) draufgängerischer Mut dieser Menschen, der großen Eindruck macht, sondern ihre Lebenslust ohne Ablaufdatum.