Muskelkater statt Schultertheater

Therapie und Training bei Schulterinstabilität

Michael ScheineckerAndreas Zauner
Text: Michael Scheinecker und Andreas Zauner
Weichteiltechniken Schulterblatt
Weichteiltechniken Schulterblatt

Der hohe Freiheitsgrad der Schulter ist Fluch und Segen zugleich. Die Anatomie (der große Oberarmkopf im Verhältnis zur Pfanne) ermöglicht komplexe Arbeiten, auch überkopf. Der Nachteil ist eine nicht sehr gute, passive (knöcherne) Stabilisierung. Die Muskulatur ist daher wesentlich für eine stabile Schulter, das Gelenk ist primär muskelgesichert, weshalb gezieltes Muskeltraining der entscheidende Faktor ist. 

Von Schulterinstabilität spricht man, wenn der Oberarmkopf nicht mehr sicher in der Gelenkpfanne geführt wird. Besonders betroffen sind Sportarten mit vielen Überkopfbewegungen wie Tennis, Volleyball, Faustball oder Schwimmen. Aber auch langes Arbeiten am Computer mit schlechter Haltung kann die Schulter negativ beeinflussen. 

Die Stabilität der Schulter entsteht durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen komprimierenden Muskelkräften und kontrollierten Bewegungen des Oberarmkopfes innerhalb der Gelenkpfanne. Solange die stabilisierenden Kräfte der Muskulatur ausreichend hoch sind, bleibt die Schulter funktionell zentriert.

THERAPIE

Die Schulter schmerzt nach dem Sport oder Überkopfarbeiten, es gab aber kein Trauma? Ein Grund dafür kann eine Instabilität in einer gewissen Schulterposition sein, eine zu „lasche“ Gelenkskapsel, oder aber auch ein zu fester „Gelenkskapselteil“. Die Differenzierung der Ursache gibt den Therapiepfad vor. 

Zu Beginn kann eine Entlastung nötig sein, damit sich gereizte Strukturen erholen. Traktionen und Funktionsmassagen reduzieren den Muskeltonus. Falls ein fester Kapselanteil Auslöser der Symptome ist, sollte dieser schmerzabhängig gedehnt werden. Am besten mehrmals täglich! In weiterer Folge wird die aktive Therapie immer wichtiger. Ziel ist es, die schulterzentrierende Muskulatur zu stärken. Zu Beginn wird an der körpernahen Muskulatur gearbeitet, das heißt an den Schulterblattfixatoren. Beim Training der Rotatorenmanschette wählt man Übungen aus, bei denen man zuerst einen Druck in das Schultergelenk bekommt (sofern keine Kontraindikation besteht). Durch den Druck in das Gelenk wird der Oberarmkopf besser in die Pfanne gedrückt und daher besser stabilisiert. In weiterer Folge werden Übungen in der freien Kette gewählt. Über den Verlauf der Reha sollte nicht nur eine aktive Verkürzung (konzentrisch), sondern auch das kontrollierte Abbremsen einer Bewegung (exzentrisch) trainiert werden. 

Luxation, was nun? 

Je nach Patienten, Aktivitätslevel und Begleitverletzung kann in Absprache mit dem Arzt ein konservativer Therapieansatz gewählt werden. Hierbei ist eine initiale Ruhigstellung meist notwendig. Im Laufe der konservativen Therapie wird versucht, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu steigern. Bei der Beweglichkeitssteigerung sind die Muskelkoordination und Kräftigung der Muskulatur ausschlaggebend.

Nach einer operativen Sanierung des Gelenks, muss mit einer Bewegungslimitation mittels Schiene gerechnet werden. Meist ist die Bewegung für sechs Wochen nur passiv erlaubt, damit die operierten Strukturen heilen können. Danach gelten ähnliche Prinzipien wie oben beschrieben. Die aktive Beweglichkeit wird in Kombination mit Koordination und Muskelkräftigung verbessert. 

TRAINING

Egal ob traumatische oder atraumatische Instabilität, Training ist ein wichtiger Bestandteil von Therapie und Prävention.

Regelmäßiges Training verbessert:

  • die dynamische Gelenkstabilität
  • die Bewegungskoordination (intermuskuläre Koordination)
  • die Körperhaltung
  • die Belastbarkeit im Alltag und Sport 
  • die Muskelkraft

Ein effektiver Trainingsaufbau kombiniert die gezielte Kräftigung der Rotatorenmanschette, die Stabilisation des Schulterblatts, die Verbesserung der Körperhaltung sowie spezielle Koordinationsübungen, um die Schulter ganzheitlich zu stärken und ihre Funktion nachhaltig zu verbessern.

Frontziehen in Außenrotation, Schulteradduktoren, Schulterinnenrotation
Frontziehen in Außenrotation, Schulteradduktoren, Schulterinnenrotation

Trainingsaufbau

1 Kräftigung der Rotatorenmanschette

Eine zentrale Rolle für die Schulterstabilität spielt die Rotatorenmanschette, bestehend aus den Muskeln Supraspinatus, Infraspinatus, Teres minor und Subscapularis. Diese vier Muskeln und ihre dazugehörigen Sehnen rund um das Schultergelenk sorgen für Stabilität und Kontrolle. Besonders effektiv sind Übungen mit Seilzug oder Gewichten.

Geeignete Kraftübungen:

  • Schulterinnen- und Schulteraußenrotation am Seilzug
  • Schulterinnen- und Schulteraußenrotation mit Kurzhantel
  • Face Pulls am Seilzug
  • Stabilisation des Schulterblatts

2 Kräftigung der Rotatorenmanschette

Das Schulterblatt ist Grundlage für nahezu jede Bewegung des Arms und sorgt dafür, dass das Schultergelenk kontrolliert und gleichmäßig arbeiten kann. Sind die Muskeln rund um das Schulterblatt zu schwach oder arbeiten sie nicht richtig zusammen, kommt es häufig zu Fehlhaltungen und einer unfunktionellen Belastung der Schulter. Dadurch können Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen entstehen.

Gezielte Übungen kräftigen die Muskulatur und verbessern Bewegungsabläufe. Gleichzeitig wird die Zusammenarbeit zwischen Rücken-, Schulter- und Rumpfmuskulatur verbessert, was langfristig zu mehr Stabilität führt.

Geeignete Kraftübungen:

  • Fliegen in Bauchlage
  • Serratus-Stütz
  • Bankdrücken gestreckt
  • Latzug gestreckt
  • Frontziehen am Seilzug
  • Schulteradduktoren
  • Schwimmen in Bauchlage

3 Verbesserung der Körperhaltung

Viele Menschen sitzen im Alltag lange am Schreibtisch oder nutzen häufig Smartphone und Computer. Dadurch entsteht oft eine nach vorne geneigte Haltung mit rundem Rücken und nach vorne gezogenen Schultern. Diese Fehlhaltung verändert die natürliche Position des Schultergelenks und kann die Beweglichkeit sowie die Belastbarkeit der Schulter beeinträchtigen. Besonders problematisch sind verkürzte Brustmuskeln in Kombination mit einer schwachen Rücken- und Schulterblattmuskulatur. Dadurch wird die Gelenkmechanik gestört. Langfristig kann dies zu Schmerzen, Verspannungen oder Entzündungen führen.

Übungen zur Verbesserung der Körperhaltung sind daher unverzichtbarer Bestandteil des Trainings. Kräftigungsübungen für den oberen Rücken helfen, den Oberkörper aufzurichten und die Schultern wieder in eine gesunde Position zu bringen. Zusätzlich sind Mobilisationsübungen für die Brustwirbelsäule und Dehnübungen für die Brustmuskulatur sinnvoll, um die Beweglichkeit zu verbessern und die Schulter dauerhaft zu entlasten.

Beckenheben im Seitstütz, Unterarmstütz
Beckenheben im Seitstütz, Unterarmstütz

Geeignete Kraftübungen:

  • Rudern
  • Unterarmstütz
  • Seitstütz
  • Frontziehen
  • Liegestütz 

4 Koordinationsübungen

Die neuromuskuläre Kontrolle, also das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Muskulatur, sorgt für präzise und kontrollierte Bewegungen. Ist diese Kontrolle eingeschränkt, reagiert die Schulter oft langsamer oder ungenauer. Besonders nach Verletzungen oder bei länger bestehenden Schulterproblemen ist die koordinative Fähigkeit häufig vermindert. Gezielte Übungen helfen, die Reaktionsfähigkeit und Stabilität der Schulter zu verbessern. Durch Ballübungen oder schnelle Bewegungsaufgaben lernen die Muskeln, schneller und besser zusammenzuarbeiten. 

Explosive Liegestütz
Explosive Liegestütz

Geeignete Übungen:

  • Brustpass
  • Überkopfwurf
  • Wandtrippeln
  • Liegestütz explosiv
  • Reaktives Fangen
Brustpass beidarmig, Überkopfwurf
Brustpass beidarmig, Überkopfwurf

Fazit

Nur gezieltes Training sichert im muskelgesicherten Gelenk sowohl Stabilität als auch funktionelle Beweglichkeit. Gezielte Übungen fördern das sinfonische Zusammenspiel von Nerven und Muskulatur, sodass Bewegungen im Alltag und beim Sport wieder besser und schmerzfreier möglich sind.