Alleskönner Wald

Von Wäldern wird heute (zu) viel erwartet


Text: Eduard Hochbichler
@istock/Oleksandr Melnyk

Größer als die ökologische, ökonomische, touristische und gesellschaftliche Gesamtleistung des Biotops ist nur unsere Erwartungshaltung: Holzproduktion, Schutzwirkung, Biodiversität, Senkung des Kohlenstoffanteils in der Atmosphäre und last but not least ist der Wald Raum für Spaß, Spiel, Bewegung und Erholung. So eine große Palette an Ansprüchen ist naturgemäß schwer unter einen Hut zu kriegen, der Spagat denkgroß. Das führt zu Wiedersprüchen und Konflikten und das in einer Zeit, in der das Ökosystem durch den Klimawandel ohnehin schon schwer unter Druck gerät. Die gute Nachricht: Der Wald wächst. 

Wald und Klima

Aufgrund der Klimaänderung ist derzeit alles in Bewegung und es wird in naher Zukunft erhebliche Veränderungen bezüglich der Waldgesellschaften und deren Ausbreitung geben. Diese werden größer sein als in der Zeit zwischen heute und der mittelalterlichen Warmzeit im ausgehenden ersten Jahrtausend. Die für den Alpenraum prognostizierten Temperaturveränderungen werden die standörtlich-klimatischen Faktoren maßgeblich verändern. In den letzten zehn Jahren ist der Fichtenanteil um rund 10 % zurückgegangen, während die Laubbaumarten und die Mischwälder stetig zugenommen haben. Dies hat die Klimafitness des Waldes deutlich erhöht. 

Bewirtschaftung

Seit der Besiedlung des Alpenraums haben die Menschen die Landschaft und damit einhergehend die Anteile der Waldflächen in Verbindung mit der Siedlungstätigkeit und den landwirtschaftlichen Nutzungsarten – wie Wiesen, Äcker, Flurhölzer und Almen – in einer wechselvollen Geschichte immer wieder verändert. Auch die Zusammensetzung der Baumarten und die Waldstrukturen unterlagen starken Veränderungen. Im Vergleich zu den letzten Jahrhunderten sind die gesellschaftlichen Ansprüche intensiver und vielfältiger geworden.

@istock/Bento Orlando

Ausgehend vom Mehrzweckwald des Mittelalters als Basis einer landwirtschaftlich geprägten Subsistenzwirtschaft, entwickelte sich ein vorrangiges Interesse am Rohstoff Holz, das für den Bau von Bergwerken sowie als Energieträger benötigt wurde. Ab dem 13. Jahrhundert war ein stetig steigender Bedarf an Brennholz für den florierenden Bergbau und die Städte zu verzeichnen. Um die Holzbereitstellung zu sichern, wurden gesetzliche Regeln für eine nachhaltige Forstwirtschaft erlassen. Diese schränkten jedoch auch die Rechte der ländlichen Bevölkerung auf Holz und Waldnutzung ein und änderten somit den Umgang mit der Ressource Holz sowie die Art der Waldbewirtschaftung. Die starke und kaum zu befriedigende Nachfrage nach Holz hielt bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Nach den Lawinen- und Hochwasserkatastrophen zur Mitte des 19. Jahrhunderts richtete sich der Fokus auf die Verbesserung des Waldzustandes und der Walderhaltung zu Schutzzwecken. Dies fiel zeitlich mit der Nutzung neuer Energiequellen wie Kohle und Erdöl zusammen, wodurch die Brennholznachfrage abnahm, und die Sägeholzproduktion zunahm.

Heute ist das Portfolio an Leistungen des Ökosystems sehr groß:

nachhaltige Sicherung der Schutzwirkungen der Wälder (Objektschutzwälder sollen die Infrastruktur vor Schäden durch Lawinen, Steinschlag und Muren schützen)

  • Bereitstellung von Holz- und Nichtholzprodukten
  • Bereitstellung von Trinkwasser
  • Erholung und Freizeitnutzung
  • Erhalt von Naturschutzleistungen (Biodiversität)
  • nicht zuletzt der Beitrag der Wälder und Bewirtschaftung zur Senkung der Kohlenstoffbelastung in der Atmosphäre. 

Von Wäldern wird heute also sehr viel erwartet, was besonders herausfordernd ist, weil Wälder wegen des Klimawandels bereits jetzt gehörig unter Druck stehen. Oftmals müssen bei der Waldbewirtschaftung Prioritäten gesetzt werden, da auf einer Waldfläche nicht alle Interessen gleichzeitig erfüllt werden können.

Durch nachhaltige Bewirtschaftung haben die Holz-, Biomasse- und Kohlenstoffvorräte im Wald seit den 1960iger Jahren laufend zugenommen, da die Holzentnahme bis heute unter dem Holzzuwachs liegt. Allerdings zeigen sich durch Wetterextreme (Stürme; Schneedruck), Trockenheit und biotische Risiken (Borkenkäfer) bereits Auswirkungen auf das Zuwachsverhalten. Die Wertschöpfungskette Wald und Holzverarbeitung leistet dennoch einen wesentlichen Beitrag zum Kohlenstoffmanagement durch Substitution von nicht erneuerbarer Energie (Brennholz) sowie als „temporärer Kohlenstoffspeicher“ in mittel- bis langlebigen Holzprodukten, wie Konstruktions- und/oder Möbelholz. So wird zum Beispiel bei der Holzverwendung in Schindel, Fassadenverschalungen, Fensterladen und Möbel Kohlenstoff über 40 bis 100 Jahre gespeichert, was einer Produktionszeit von Nutzholz im Wald entspricht.

Bei der Regulierung des Wasserhaushalts kommt dem Wald in Verbindung mit der räumlichen Verteilung und Vernetzung der verschiedenen Landnutzungsarten besondere Bedeutung zu. Die Wasserbilanz des Waldökosystems ist äußerst komplex. Wesentliche Faktoren sind die Niederschlagsart (Regen oder Schnee) und -intensität, weiters der Niederschlagsrückhalt und die Verdunstung im Kronenraum, der Wasser-verbrauch der Bäume durch Transpiration und das Speichervermögen der Humusauflage des Bodens. 

Lebensraum Wald

Im Vergleich zum Ziel in den vergangenen Jahren, im Wald gut „zusammenzuräumen“, hat sich ein „neues“ Bewusstsein um die Wechselwirkungen in der Natur entwickelt. Wichtig für die Erhaltung oder Verbesserung der Lebensraumdiversität ist die Totholzstruktur. Mittlerweile liegt der Totholzanteil im Wald bei 10 bis 20 Prozent. Das Vorkommen einer Vielzahl von Vögeln, Insekten und Pilzen ist eng mit der Existenz von verschiedenartigem Totholz verbunden. Dazu sind Bäume mit Höhlen, Rissen oder Spalten als Lebensraum für Tiere von Bedeutung. Eine Vielfalt der Arten benötigt auch eine Vielfalt der Wälder.

Die zunehmende Verstädterung und mehr Freizeit verstärken das Bedürfnis die Natur zu nutzen. Wir gehen „in die Natur“ hinaus. „Natur“ lässt sich gut vermarkten. Der „Lebensraum“ Wald spielt eine stetig zunehmende Rolle für Erholung, Sport, Gesundheit und Nichtholzprodukte, wie Heilmittel, Naturkosmetika, Marmeladen und gastronomische Spezialitäten. 

@istock/Nazarii Neshcherenskyi

Heutzutage lassen sich die Interessen von Waldnutzern in die Gruppen mit den Schwerpunkten „Erholung“ und „Sport“ einordnen. Beiden gemeinsam ist „der Wald tut gut für Seele und Körper und damit Gesundheit“. Zahlreiche physiologische Studien aus Japan, Norwegen, Kanada und Österreich zeigen, dass die positive Wirkung des Waldes nicht nur auf einem subjektiven Eindruck basiert, sondern auf messbaren Veränderungen im Körper. Offensichtlich verstärkt der Waldaufenthalt die Fähigkeit des Körpers zur Regeneration. Waldbesuche senken den Blutdruck, den Cholesterinspiegel, die Herzfrequenz und die Muskelanspannung, zudem wird die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol reduziert. Daniela Haluza von der Med-Uni Wien analysierte, dass Waldlandschaften einen messbaren Beitrag zur Stressreduktion und zum psychischen Wohlbefinden leisten können. Wald-Sport und Wandern haben stark gesundheitsfördernde Aspekte. In der Erforschung des Waldbadens konnte die stressmindernde Wirkung von Waldspaziergängen umfassend dokumentiert werden.

In Österreich nutzen 88 % der Bevölkerung den Wald zur Naherholung, wobei das Wandern dominiert, vor dem Sammeln von Pilzen und Früchten. Im letzten Jahrzehnt haben die Freizeit- und Sportaktivitäten, wie Radfahren, Mountainbiken, Laufen, Skilanglauf, Erlebnisevents (Skywalks, Waldpfade, Seilparks) stetig zugenommen. Die Motive, das Verhalten und die Erwartungen der Freizeitnutzenden sind je nach Besuchergruppe sehr unterschiedlich.

Eine Studie von Langmaier, Hochbichler und Payrhuber, im Bezirk Murau mit befragten Touristen aus Österreich und dem Ausland brachte überraschende Ergebnisse: Die beliebtesten Aktivitäten im Wald sind vor allem Freizeitaktivitäten mit geringer Intensität wie Wandern (98 %), Entspannen (72 %), die „Natur“ genießen (69 %) oder Spazierengehen (44 %). Zu den Freizeitaktivitäten mit hoher Intensität zählen beispielsweise Mountainbiken, Klettern und Skifahren. Deutlich wird, dass die Befragten den Wald aktiv zur Erholung nutzen und die Freizeitaktivitäten sehr breit gefächert sind. Hinsichtlich der Präferenzen für Erholung und Entspannung, Spazierengehen, Beerenpflücken, Pilzesammeln, Skifahren, Klettern und Jagen bestehen keine großen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Einheimische gehen gerne „Schwammerl suchen“, „wandern“ und „Beeren pflücken“. Der Wald wird als ruhig und entspannend charakterisiert und kann für Spaß, Spiel und Bewegung genutzt werden. 

Jede Freizeitnutzung wirkt sich auf das Ökosystem und den Lebensraum Wald aus. Verschiedene Studien zeigen, dass eine intensive Freizeitnutzung zu beträchtlichen Schäden in der Natur führen kann. Die Auswirkungen je nach Aktivität sind sehr unterschiedlich und teilweise komplex. In stadtnahen Wäldern ist die Intensität der Freizeitnutzung in der Regel größer als im ländlichen Raum. 

Zielkonflikte entstehen häufig zwischen verschiedenen Freizeitnutzern selbst (z.B. Wanderer vs. Hundeführer und/oder Radfahrer), zwischen Freizeitnutzenden und den Waldbewirtschaftern (z.B. Waldwegenutzung bei Waldarbeit) und Freizeitnutzer und Naturschutzzielen (Brutzeit bei Vögeln) und Jagd (z.B. Joggen in der Dämmerung). Daher ist es notwendig in einem sorgsamen Umgang von Wald- und Wildbewirtschaftern, Erholungssuchenden und sportbegeisterten Personen einen offenen und belastbaren Ausgleich der verschiedenen Nutzerinteressen durch räumlich und zeitliche Lenkung und zu suchen und zu finden.