Schluss!-besprechung

Im OP des Privatklinkums Hochrum


Text: Josef Wiesauer

Christian Fink streift die OP-Handschuhe ab, schaut ein letztes Mal zurück und schickt sich an, den Raum zu verlassen.

„Herr Professor, ich hätte da noch eine Frage“.

„Wer spricht da?“

„Das 35 mm lange Gewebestück mit einem Querschnitt von 50 mm2, das Ihr Leben bestimmt hat, das vordere Kreuzband. Ich heiße Max, darf ich nach all den Jahren Christian sagen?“

Christian: „Das ist mir eine Ehre!“ 

Max: „Ich mache mir Sorgen, ich verletze mich so oft. Bin ich eine Fehlkonstruktion?“ 

Christian: „Du darfst Dich nicht in Frage stellen. Deine Performance ist beeindruckend, wir muten Dir einfach zu viel zu. Du bist sehr gut alltagstauglich, aber das hohe Tempo und die großen äußeren Kräfte im Sport sind für Dich extrem herausfordernd geworden“.

Max: „Kann ich mich besser schützen?“

Christian: „Den 100prozentigen Schutz gibt es leider nicht, aber wir lassen Dich nicht ganz im Stich. Koordinations-, Kraft- und Sprungtraining, konsequent durchgeführt, können viele Verletzungen verhindern“.

Max: „Wenn Du mich operierst, werde ich wieder ganz der Alte?“

Christian: „Mit modernen Operationstechniken und individueller Rehabilitation kriegen wir Dich wieder ganz gut hin.
Viele Deiner Besitzer auch im Hochleistungssport kehren auf ihr ursprüngliches Leistungsniveau zurück. Wichtig ist, dass man Dir wieder völlig vertraut. Dazu braucht es mehr als ein gut rekonstruiertes Band“. 

Max: „Was braucht es?“

Christian: „Dein Team. Deinen Besitzer, der in Deiner Erholungsphase sorgsam mit Dir umgeht, den erfahrenen Kniespezialisten der für einen guten Start sorgt, Deinen Physiotherapeuten und Deinen Trainer die dich Monate begleiten. Einer allein kann das erfolgreiche Comeback nicht leisten, zusammen funktioniert es“.

Max: „Wer ist mein größter Feind?“

Christian: „Die Ungeduld. Wer das Comeback nicht erwarten kann, riskiert eine erneute Verletzung. Deine Heilung braucht Zeit. Die Biologie verhandelt nicht“.

Max: „Gibt es eine medizinische Vision für mich?“

Christian: „Eine Revolution ist nicht in Sicht, kleine Anpassungen sehr wohl. Wir betrachten Deine Verletzung nicht mehr isoliert, sondern wir ziehen Dein gesamtes Umfeld, das Kniegelenk mit allen Strukturen, wie Menisken, Seitenbänder, Knorpel in der Therapie mit ein. Die KI hilft uns noch bessere Entscheidungen zu treffen, z. B. wann wir Dich „verstärken“ müssen. Präventiv ist speziell im Breitensport mit gezieltem Training noch viel Luft nach oben“. 

Max: „Du hast Dich so intensiv, wie kaum jemand mit mir beschäftigt. Hast Du auch etwas von mir gelernt?“

Christian: „Demut! Man hat nicht alles im Griff. Jeder Körper ist individuell. Den perfekten Ersatz für Dich gibt es nicht. Es gilt, die beste biomechanische Annäherung zu finden. Die Variabilität der Anatomie ist schier grenzenlos, das ist die größte Herausforderung“.

Max: „Mich zu operieren ist ja weltweit ein erfolgreiches „Businessmodell“.

Christian: „Das stimmt, Du bist ein Opfer des Erfolgs. Manchmal nimmt das fast industrielle Formen an. Aber Dich immer gleich zu behandeln und dass dann noch möglichst schnell ist nicht die Lösung. Man muss Dich und Deine vielleicht auch verletzten Kollegen im Knie genau studieren und auch Deinen Besitzer gut kennen lernen, um die richtige Behandlungsstrategie zu finden. Außerdem muss man Dich lange nachverfolgen, um zu sehen, ob das, was wir gemacht haben auch richtig war. Der Erkenntnisstand wächst nur durch intensive wissenschaftliche Beschäftigung“.

Max: „Was bin ich eigentlich wert?“

Christian: „Gute Frage. Wenn Du im Körper eines Champions League Spielers steckst, kann das schon mal über 100 Millionen gehen. Dann ist die Verantwortung des Operateurs und der damit verbundene Stress groß“.

Max: „Würdest Du Dich im nächsten Leben wieder so intensiv mit mir beschäftigen?“

Christian: „Ganz sicher! Ich bin sehr zufrieden mit dem, was Du aus mir gemacht hast“

Veröffentlicht in Essay