Wenn ich lese, lese ich.
Der Trend zur Beiläufigkeit

Taylor Swift’s Erfolg ist Folge der modernen Art des Musikhörens. Streamen in Verbindung mit Playlists und Algorithmen kanalisieren den Konsum Richtung Mainstream. Wir konsumieren Musik beiläufig und nebenbei, die Aufmerksamkeitsschwelle sinkt. Das Format muss simpel und eingängig sein.
Beiläufigkeit liegt im Trend. Im Fernsehen wird sie fürsorglich gepflegt. Beim Tatort wird alle 15 Minuten der Ermittlungsstand wiederholt. Das Team erklärt dem Chef, etwas später wird alles beim Verhör wiederholt. So füllt man den Hauptabend. Wichtig ist aber, dass der Zuschauer nebenbei sein Handy checken kann. Redundanz ist ein wichtiges Tool, um die Beiläufigkeit zu servicieren. Die Werbewirtschaft rechnet mit einer Aufmerksamkeitsspanne von 15 Sekunden. Diese liegt unter der des Goldfischs. Podcasts orientieren sich daran.
Innerhalb de Beiläufigkeitskultur siegt Swift gegen Beethoven und Mahler, Gabalier und
DJ Ötzi gegen Miles Davis und Led Zeppelin. Musik mit komplexerer Struktur kann man nicht beiläufig genießen. „Nebenbei“ kann auch lebensgefährlich sein, z. B. Handy checken beim Autofahren.
Komplexe Aufgaben erfordern unsere volle Aufmerksamkeit. Es ist schwer denkbar, dass Albert Einstein seine Relativitätstheorie nebenbei erdacht hat. Dinge mit großem Tiefgang beschäftigen uns als Ganzes.
Der weise Mönch wusste: „Wenn ich stehe, dann stehe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich; wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich trinke, dann trinke ich; wenn ich schweige, dann schweige ich; wenn ich schaue, dann schaue ich; wenn ich lese, dann lese ich; wenn ich arbeite, dann arbeite ich; wenn ich bete, dann bete ich“.
