As time goes by

Von Vinyl bis Trägerlos


Text: Josef Wiesauer
© Peng

Dooley Wilson performt am Piano. Meine High-End Anlage macht mich glauben, ich säße mitten in Rick’s Café in Casablanca. Sie gibt ihr Bestes, vor allem mehr als ich hören kann. Vieles, was sie kann, ist zwar messbar, aber ich kann es nicht (mehr) hören. Sie produziert 18.000 Hertz, meine Wahrnehmung geht bis 7.000 Hertz. Trotzdem bin ich stolz darauf, etwas Besseres zu haben.

Wir leben in der privilegierten Zeit, in der wir jederzeit und beinahe überall Musik in Top Qualität hören können. Vor 150 Jahren musste man dafür noch in einen Konzertsaal gehen. Heutzutage sind selbsterstellte persönliche Playlists und Allzeitverfügbarkeit selbstverständlich. Solcherart sozialisiert streamt die Generation Z. Der „trägerlose“ Konsum ist ungemein praktisch, fördert aber inflationäres Hören und Beiläufigkeit.

Der Mindset meiner Generation ist ein anderer. Auch ich streame, wenn es praktisch ist, wie im Auto oder auf Reisen. Aber mitten in der eigenen Vinylsammlung ein Platte aufzulegen, die Nadel in die Rille gleiten zu lassen und das dabei entstehende Knistern zu hören bringt mich in eine andere Welt. Umgeben vom haptischen Zeugnis seines Kulturverständnisses im Ledersessel zu versinken und eine Platte zu hören, ist eine andere kulturelle Verfasstheit. Es ist eine Art Inbesitznahme dessen, was man kulturell wertschätzt. So wie ich gerne von den Büchern, die ich gelesen habe, umgeben bin. Das wird nie aufhören, das ist meine Lagerfeueratmosphäre.

Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss zurück in Rick’s Café, die Platte umdrehen.