Den Wind in Händen

Vom Windsurfen zum Wingfoil

PD Dr. Christian Hoser - Gelenkpunkt
Text: Priv. Doz. Dr. Christian Hoser
Windsurfers enjoying the waves on a stormy day in the Netherlands. / Foto: @ istock/akrp

Die Idee war ebenso simpel wie revolutionär: Ein Segel wird über ein bewegliches Mastgelenk direkt auf einem Brett montiert und vom Surfer in den Händen gehalten. Dadurch kann der Fahrer das Segel aktiv steuern – und das Brett durch Gewichtsverlagerung kontrollieren. Das Windsurfen war geboren.

Die Geburtsstunde schlug 1968, als der Ingenieur Jim Drake und der Unternehmer Hoyle Schweitzer ihr Patent für ein Surfbrett mit frei beweglichem Segel anmeldeten. Das erste Serienmodell trug schlicht den Namen „Windsurfer“. Mit seinem langen Brett und dem einfachen Dreieckssegel verbreitete es sich rasch an Küsten und Seen rund um die Welt.

Windsurfen erobert Europa

In Europa erlebte der Sport in den 1980er-Jahren einen beispiellosen Boom. Besonders in Deutschland und Österreich wurde Windsurfen zu einer der populärsten Wassersportarten überhaupt, mehr noch, die neue Sportart passte perfekt zum Zeitgeist der 80er Jahre. 

Hotspots der Szene waren der Gardasee, die Nordseeinsel Sylt, der Neusiedler See, sowie zahlreiche Alpen- und Voralpenseen. Seinen Höhepunkt erreichte der Sport in den frühen 1990er-Jahren mit über 1,5 Millionen aktiven Windsurfern weltweit, hunderttausenden verkauften Boards jährlich und Surfschulen an nahezu jedem größeren See Europas. Windsurfen war nicht nur Sport, sondern ein Lebensgefühl – Windsurfer do it standig up.

Illustration des Patents von Jim Drake und Hoyle Schweitzer (1968)
Illustration des Patents von Jim Drake und Hoyle Schweitzer (1968) / Foto: Quelle Wikipedia

Chronologie

Was als Experiment zweier amerikanischer Tüftler begann, entwickelte sich in wenigen Jahrzehnten zu einer globalen Bewegung – mit Millionen Anhängern, olympischen Medaillen und einer ganzen Familie neuer Disziplinen. Heute reicht das Spektrum vom klassischen Windsurfen über spektakuläres Kitesurfen bis zum nahezu lautlosen Schweben moderner Foilboards und der jüngsten Disziplin, dem Wingfoiling. Trotz aller technischen Innovationen bleibt jedoch das zentrale Element unverändert: Ein Brett unter den Füßen, den Wind in den Händen.

  • 1968: Patent des Windsurfbretts durch Jim Drake und Hoyle Schweitzer, Geburtsstunde des Windsurfens
  • 1970–1975: Serienproduktion der ersten Windsurfbretter, weltweite Verbreitung
  • 1980er: Windsurfboom in Europa mit Millionen aktiven Surfern
  • 1984: Windsurfen erstmals olympisch
  • 1990–1995: Höhepunkt der Windsurf-Verkaufszahlen, Massensportstatus
  • 1998–2000: Durchbruch des Kitesurfens
  • 2000: Olympiagold für Christoph Sieber bei den Olympic Games in Sydney
  • 2010: Hydrofoil-Technologie verbreitet sich
  • 2020: Wingfoiling entsteht
  • 2024: Olympiagold für Valentin Bontus im Kitefoiling bei den Olympic Games in Paris

Windsurfen

Beim Stehsegeln steuert man das Board mit den Füßen und dem Rigg. Die Einheit aus Segel, Mast, Mastfuß und Gabelbaum ist mittels Kardangelenks mit dem Board verbunden. Das Schwert ermöglicht das Aufkreuzen gegen den Wind, die Finne stabilisiert Board und Kurs. 

Kitesurfen. Der Surfer steuert mittels Trapez über Leinen einen Lenkdrachen.
Kitesurfen. Der Surfer steuert mittels Trapez über Leinen einen Lenkdrachen. Foto: @ istock/JMichl

Kitesurfen

Um die Jahrtausendwende begann eine neue Windsportära. Anstelle des Segels steuert der Surfer mittels Trapez über Leinen einen Lenkdrachen. Die Vorteile waren offensichtlich: Kleinere Boards, spektakuläre Sprünge, kompaktere Ausrüstung. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Kitesurfen zu einer globalen Trendsportart mit eigenen Wettkampfserien wie der GKA Kite World Tour.

Foilen

Die größte technologische Innovation der letzten Jahre ist das Hydrofoil. Das unter dem Surfboard montierte Hydrofoil hebt das Brett aus dem Wasser und lässt den Surfer schweben. Der Surfer steuert das Foil mittels Gewichtsverlagerung. Beim Wingfoilen hält der Surfer mittels Wing (Flügel) den Wind förmlich in Händen. Die Kombination aus minimaler Ausrüstug und moderner Foiltechnologie ermöglicht es, schon bei wenig Wind über das Wasser zu gleiten. Das führt derzeit zu einem rasanten Anstieg der Wingfoiler auf unseren Seen. 

Wingfoilen: Die Foiltechnologie ermöglicht es, schon bei wenig Wind übers Wasser zu gleiten.
Wingfoilen: Die Foiltechnologie ermöglicht es, schon bei wenig Wind übers Wasser zu gleiten. Foto: @ istock/1MEDIA

Disziplinen im Windsurf World Cup

Im Laufe der Jahre entwickelte sich ein professioneller Wettkampfzirkus.

Die wichtigsten Disziplinen:

  • Slalom: Hochgeschwindigkeitsrennen um Bojen mit Topspeeds von über 60 km/h
  • Wave: Akrobatische Sprünge und spektakuläre Manöver in Brandungswellen
  • Freestyle: Tricks und Rotationen auf flachem Wasser
  • Race: Taktische Regatten über längere Distanzen

Die Windsportarten machen Tempo

Beim Windsurf-Foil und Wingfoil werden gute 70 km/h erreicht. Auf dem guten alten Windsurfboard hält Antoine Albeau mit 98,6 km/h den Rekord. Kitesurfen ist die schnellste windgetriebene Individualsportart auf dem Wasser (Nicolas Goyard, 2023, 107 km/h).

Österreich auf olympischem Kurs

Mit der Aufnahme ins olympische Programm erreichte Windsurfen eine neue sportliche Dimension. Bei der Premiere 1984 in Los Angeles vertrat Björn Eybl Österreich in der olympischen Klasse Windglider (7. Platz). 1988 startete Thomas Wallner in Seoul in der Division-II (10.) 2000 eroberte Christoph Sieber in Sydney Olympiagold in der Mistral-Klasse. Fast drei Jahrzehnte später schrieb Valentin Bontus mit der Goldmedaille im Kitefoiling das nächste Kapitel in der Erfolgsstory der österreichischen Windsportgeschichte.