Auf der letzten Rille?

Geschichte des Tonträgers

vintage vinyl player

Am Anfang war die Rolle – die Edison-Rolle kam von 1875 bis 1895 zum Einsatz. Die Aufnahme erfolge über einen Trichter, die Abspielzeit betrug maximal drei bis fünf Minuten. Das Abspielen erfolgte über einen mechanischen Antrieb. Mit der Rolle umschiffte man elegant ein Problem, das bei Schellack und Langspielplatte gelöst werden musste: 2rπ – die Länge der äußeren Rille auf einer Schallplatte beträgt 90 cm, die innerste hat eine Länge von 30 cm. Da die Platte durchgehend mit 33 ⅓ Umdrehungen abgespielt wird, muss auf 30 cm gleich viel Information wie auf 90 cm untergebracht werden: Tricky. 90 Jahre später löste die CD das Problem auf technisch saubere Art und kam durch steigende Rotationsgeschwindigkeit zu linearen Abtastdaten. 

Emil Berliner gelang der Kunstgriff, er ersetzte die Rolle durch eine Scheibe und ließ 1895 die Schellackplatte patentieren. Sein erster Hit war das von ihm selbst gesprochenen Vaterunser. Trotz noch immer kurzer Spieldauer (drei bis fünf Minuten) bei 78 Umdrehungen wurde sie zum ersten weltweit verbreiteten Musikmedium. Schellacks waren hochzerbrechlich und schwer. Die „Meistersinger“ waren ein gewichtiges Paket. In den frühen 50ern beschäftigte Gramola Lohndiener, die den Käufern die Schellacks nach Hause trugen, Tonträger im wahrsten Sinne des Wortes. 

Zur gleichen Zeit fand auch eine technische Revolution statt. 1920 bis 1925 wurde das Mikrofon erfunden. Das war die Geburtsstunde der elektronischen Aufnahme. Der Aufwärtstrend der Schellacks reichte bis 1930, dann ging der Umsatz beinahe auf null zurück. Ursache war die Wirtschaftskrise. Das aufkommende Radio beschleunigte das Ende der Schellack. 

Nun kam Vinyl

Der Abgesang auf das Ende des Tonträgers, verursacht durch das Radio, kam aber zu früh. Denn 1950 kam Vinyl. Und befeuert durch das Radio, wollte jeder seine Musik zu Hause auf Platte haben. Vor allem die amerikanischen Soldaten wollten ihre Musik hören. Die technischen Neuerungen, High Fidelity und Stereo, eine Revolution in der Klangqualität, machten die Langspielplatte zum Verkaufshit. Auch der Markt orientierte sich am Format der LP. Die 25 Minuten auf einer Seite waren ideal für eine Symphonie und es entstanden Konzept­alben, konzipiert für das Format der Langspielplatte. Eines der prominentesten Beispiele ist St. Peppers Lonely Hearts Club Band von den Beatles. 

Nicht zu vergessen – die Musikkassette

Ein, in ein Kästchen gesperrtes Minitonband, bespielt oder auch unbespielt im stationären und mobilen Einsatz multiplizierte die Möglichkeiten im Umgang mit Musik und ermöglichte die Erfindung der Playlist und die Berieselung jedes Picknicks. Der Walkman grüßte schon von Ferne.

„Alles andere ist Gaslicht“

Herbert von Karajans Ausspruch begleitete 1982 die Markteinführung der CD. Karajan pushte sie gemeinsam mit Sony und die Leute kauften. Die Lasertechnik der CD brachte eine Steigerung der Tonqualität und eine längere Laufdauer von 90 Minuten. Monumental: Für Beethovens Neunte brauchte man 2 LPs aber nur mehr eine CD. Bei „Dark Side of the Moon“ musste man die Platte nicht mehr umdrehen. Das Album wird übrigens bis heute pro Tag mehr als 8.000mal verkauft (ohne Streamen!). 

Trägerloses Hören

Die Vorteile des Streamens liegen auf der Hand: Man hat zu jeder Zeit, fast an jedem Ort, alles zur Verfügung. Nachteile beim Musikkonsum mittels Streamens sind die netzbedingt niedrigere Stringenz und eine sinkende Aufmerksamkeitsschwelle. Beim nebenbei Hören setzt sich Musik mit einfachen Mustern durch. Algorithmen und Playlists kanalisieren den Musikkonsum Richtung Mainstream. Taylor Swift wird dann zum gemeinsamen Nenner, die Breite aber geht verloren. Diese Tendenz findet zeitgleich einen guten Nährboden im Rückgang der humanistischen Bildung, der in den 1980ern, getragen von einer steigenden Orientierung hin zur Technik, einsetzte. Humanistische Bildung ist aber Voraussetzung, um die komplexe Kodierung von klassischer Musik und Literatur zu verstehen und genießen zu können. 

By that way, beim Streaming bekommt der Urheber nur 0,00x % des Umsatzes. Copyrightzahlungen werden großflächig umgangen, wie z.B. durch KI-generierte Stimmungsmusik (Fahrstuhlmusik). Was häufig übersehen wird, ist der extrem hohe Energieverbrauch. Nachhaltig ist diese Form der Konsumation nicht.

Die Entwicklung ist offensichtlich.: In den 1960er Jahren gab es 480 Plattengeschäfte in Österreich. Seit 2000 sind 7.000 Arbeitsplätze in diesem Bereich verloren gegangen. Heute wird 75 % gestreamt. 25 % beträgt der Umsatz mit physischen Tonträgern. Insgesamt hat sich der Niedergang beim Tonträgerumsatz verlangsamt, wobei der Trend momentan wieder leicht zur CD geht. 

Was kommt nach dem Stream? Herr Winter weiß es: „Der Weltuntergang!“ Wir einigen uns, dass ‚Also sprach Zarathustra‘ dramaturgisch gut passen würde. Die Frage nach dem Tonträger stellt sich nicht. Ein Orchester spielt live. Das hat sich schon auf der Titanic bewährt. 

Für das Einführungsseminar ins Thema bedanken wir uns herzlich bei Richard Winter, Inhaber der Gramola, Wien.

Richard Winter

  • 1945 in Wien geboren
  • Zahlreiche Orts- und Schulwechsel
  • Nach kurzer Praxis bei Universal 1964 in die Gramola, das Geschäft der Großeltern eingetreten
  • seit 1970 allein verantwortlicher Inhaber
  • Richard Winter produziert CDs, wie den kompletten Brucknerzyklus (aus St. Florian) und aktuell einen Schubertzyklus mit Günther Groissböck.
  • diese Produktionen wurden weltweit mit vielen Preisen ausgezeichnet

„Als Alternative zum Weltuntergang schlage ich die Besinnung auf die CD, gekauft im lokalen Tonträgerhandel, vor. Im Wohnzimmer ist sie neben unseren Büchern Beleg für unsere eigene kulturelle Verfasstheit“. www.gramola.at

 

Platten hören mit dem Philosophen

Was hört Konrad Paul Liessmann?
Derzeit vorzugsweise Strawinsky, gespielt vom London Symphony Orchestra mit Claudio Abbado als Dirigent und das Boston Symphony Orchestra, dirigiert von Seiji Ozawa. Die gerade erschiene Serie The Original Source der Deutschen Grammophon liefert auf Vinyl ein grandioses Hörerlebnis.  

Sie glorifizieren in Ihrem Buch den Plattenspieler. Sind Sie Vinylfan?
Ja, aber ich nutze alle Möglichkeiten: Platte, CD, Streaming und ich besitze sogar noch eine alte Spulentonbandmaschine. Meine Hi-Fi-Anlage ist ein technisches Museum bis hin zum modernen Streaminggerät. Um mich über Neuerscheinungen zu informieren, streame ich, will ich mir einen schönen Abend machen, wirds nostalgisch, da lege ich eine Platte auf und werfe die Tonbandmaschine an.

Sind Sie Sammler?
Ja, ich besitze mehr als tausend Platten und CDs. Die gerade erworbenen Original Source – Platten waren ein Investment, ein sehr romantisches. Es muss uns bewusst sein, dass nach uns das niemand mehr interessiert. 

Konrad Paul Liebmann

Konrad Paul Liessmann, Philosoph und emeritierter Professor an der Universität Wien, Direktor des Philosophicum Lech, Essayist und Kulturjournalist, fotografiert in seinem Stammlokal, dem Café Ritter in Wien. 26.08.2025

 

Der gute Ton

TonArt-Inhaber Franz Stöger kann davon ein Lied singen

Ist die Hörqualität durch die Entwicklung der Tonträger bis hin zum Streamen besser geworden?
Jein. Wenn man alles herauskitzelt, bietet heute die Vinylplatte wieder die höchste Wiedergabequalität. Dazu braucht es aber natürlich den richtigen Plattenspieler, die richtige Anlage und vor allem den Fachmann, der alles optimiert. Denn die meisten Anlagen produzieren nicht den Sound, zu dem sie imstande wären. Sprich: Viele haben einen Ferrari zu Hause, fahren damit aber nur im Gemüsegarten herum.

Kann man bestimmte Innovationsschübe am einzelnen Tonträger festmachen?
Der Schub waren natürlich Stereo und High Fidelity. Das traf aber nur zufällig zeitgleich auf die damals populäre Langspielplatte. Vinyl war ein gutes Medium zur Umsetzung, hat aber die Innovation nicht ausgelöst. Kurz zum Vinyl: Platten werden noch heute auf den Maschinen geschnitten, wie 1950. Bis auf einen kleinen Facelift in den 1980er Jahren ist hier nichts passiert. Hier ist viel Luft nach oben, daran arbeiten wir gerade intensiv in einem Projekt.

Was brachte die CD?
Die Verkaufsargumente bei der CD waren klar:

  • kleiner
  • besseres Handling
  • längere Laufzeit
  • weniger staubanfällig
  • weniger Nebengeräusche
  • klingt besser

Das stimmte im Prinzip, wobei hochwertiges Vinyl immer besser war. Aber fest steht auch, die CD hat den Standard deutlich erhöht, denn man muss klar sagen, der Wildwuchs im Analogbereich, sowohl bei den Platten als auch bei den Plattenspielern ist denkgroß und die Qualitätsschwankungen riesig.

Welche Vorteile hat das Streamen?
Theoretisch bringt Streamen die besten Ergebnisse, denn die kompletten Rohdaten sind digital auf einer Festplatte. Das heißt, wir haben schon einmal eine störungsfreie Quelle. Entscheidend ist, was man dann mit den Daten macht. Werden hochaufgelöste Daten (High Resolution) wie bei Tidal verwendet, dann ist die Wiedergabequalität auf einem sehr hohen Level. 

Wie hören Sie persönlich Musik?
Ich streame überwiegend, aber wenn ich mir bewusst Zeit nehme, um Musik zu hören, spiele ich LPs. Grundsätzlich gilt für mich, ob Vinyl, CD oder streamen, die Anlage muss optimal eingestellt sein, denn jeder von uns hört anders.  

TonArt-Inhaber Franz Stöger

TonArt – die Kunst der Klang­entfaltung

Seit über 30 Jahren widmen wir uns der Entwicklung und Erforschung der Frage, wie echter, berührender Klang entsteht. Denn nicht allein die Auswahl hochwertiger Komponenten ist entscheidend – erst das präzise Verständnis ihrer Wechselwirkungen und das konsequente Zum-Klingen-Bringen der Musikanlage machen Musik wirklich erlebbar.

Was für uns selbstverständlich ist, wird noch immer unterschätzt: Erst das Zusammenspiel aus edlem Produkt und langjähriger Erfahrung lässt ein wahres Meisterwerk entstehen.

In unserem TonArt Studio erwartet Sie ein Klang- und Heimkinoerlebnis der besonderen Art. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

www.tonart-stoeger.at