Individuelle Knieversorgung

Dr. Florian Dirisamer - Orthopädie und Sportchirurgie, Puchenau bei Linz
Text: Florian Dirisamer und Christian Patsch

„Das Verständnis für die Biomechanik des Kniescheibengelenks hat sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert.“
Dr. Christian Patsch

„Moderne Implantate berücksichtigen die Unterschiede von weiblichen und männlichen Gelenken.“
Dr. Florian Dirisamer

Am Rande des „Interdisziplinären Symposiums des Instituts für Sporttherapie“ am 09. Oktober 2015 traf „Leben a la carte“ Dr. Florian Dirsiamer und Dr. Christian Patsch zum Gespräch über Trends und neue Konzepte der individuellen Knieversorgung. Die beiden Oberösterreicher sind international anerkannte Experten auf diesem Teilgebiet der Orthopädie und Sport­chirurgie.

 

Viele neue Techniken und Prothesendesigns erfordern eine ausführliche Beratung, um die beste Lösung für jeden Patienten anbieten zu können.
Viele neue Techniken und Prothesendesigns erfordern eine ausführliche Beratung, um die beste Lösung für jeden Patienten anbieten zu können.

 

Herr Dr. Patsch, Sie haben in Ihrem Vortrag verschiedene Möglichkeiten der individuellen Gelenksversorgung aufgezeigt. Können Sie uns die wichtigsten Neuerungen, vor allem hinsichtlich des Designs von Knieprothesen, kurz zusammenfassen?

Dr. Patsch: Ein wesentlicher Vorteil der neuen Modelle liegt sicherlich darin, dass die Prothesendesigns vermehrt an die natürliche anatomische Form des menschlichen Kniegelenks angepasst wurden. Dadurch ist eine noch exaktere Wiederherstellung möglich. Außerdem berücksichtigen moderne Implantate die Unterschiede von weiblichen und männlichen Gelenken – wir sprechen in diesem Zusammenhang vom so genannten „Gender Knee“. Frauen haben, vereinfacht ausgedrückt, ein schmäleres Gelenk und etwas andere Rotationsverhältnisse als Männer, was bei den Prothesen der neuen Generation berücksichtigt wird. Herr

Dr. Dirisamer, gibt es ergänzend zu den Designs auch Neuerungen bei den Operationstechniken und wenn ja, bringen diese auch tatsächlich Vorteile für den Kniepatienten?

Dr. Dirisamer: Selbstverständlich findet auch bei den operativen Techniken eine ständige Weiterentwicklung statt. Die computerunterstützte Planung und Durchführung von Operationen (Navigation) ist bereits im klinischen Alltag angekommen. Sehr modern ist zudem der Einsatz von patientenspezifischen Instrumenten (PSI), die vor dem Eingriff individuell angefertigt werden. Wichtig ist, all diese neuen Techniken laufend zu evaluieren und kritisch zu hinterfragen, ob sie tatsächlich halten, was sie versprechen. Sowohl bei der Navigation als auch bei den PSI konnten aktuelle wissenschaftliche Arbeiten bisher keine signifikante Verbesserung der klinischen Ergebnisse bringen.

Welche Entwicklungen gibt es beim Patello­femoralen Gelenksersatz? Hier war lange Zeit von „schlechten Ergebnissen“ die Rede, nun ist die Implantation wieder in aller Munde. Warum?

Dr. Patsch: Das Verständnis für die Biomechanik des Kniescheibengelenks hat sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert, zudem sind die neuen Modelle anatomischer geworden. Wichtig ist, dass neben der Implantation der Prothese auch das zu Grunde liegende Problem erkannt und behoben wird. Hiervon profitieren vor allem jüngere Patienten, da sie eine Totalendoprothese um 10 bis 15 Jahre hinauszögern und gleichzeitig quasi uneingeschränkt sportlich aktiv bleiben können.

Warum wird der Teilgelenksersatz bei degenerativen Erkrankungen des Kniegelenks immer beliebter?

Dr. Dirisamer: Das Grundkonzept ist, abgenützte Gelenksteile zu ersetzen und intakte zu erhalten, was für das Gelenksempfinden und die Funktionalität Vorteile bringt. Vor allem, wenn der Knorpelschaden nicht das gesamte Kniegelenk betrifft. Je mehr gesunde Anteile vom eigenen Gelenk erhalten bleiben, umso natürlicher fühlt sich nach dem Eingriff der Bewegungsablauf an. Auch die sportliche Betätigung ist in einem größeren Umfang möglich als mit einer Totalendoprothese. Vielen Dank für das Gespräch.